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Amönau

Geschichte:

Die Gründungszeit des auch Burg Amönau genannten Schlosses bzw. seines Vorgängerbaues ist ungeklärt. Lokale Überlieferungen, die im Vorgänger des Amönauer Schlosses einen Sitz Kaiser Heinrichs II. des Heiligen (reg. als König 1002-24, Kaiser seit 1014) und zudem "das Stammhaus der Gisonen", einer bedeutenden hochmittelalterlichen, an der Lahn begüterten Grafenfamilie sehen, sind weder durch Schriftquellen noch durch Baubefunde zu belegen.
Eine wichtige Basis zur Beschäftigung mit der Geschichte des Schlosses bieten die 1954 von Norbert von Baumbach zusammengestellten, unpublizierten Aufzeichnungen zur Geschichte des Lusthäuschens (zur Familie von Baumbach und den anderen in Amönau ansässigen Adelsfamilien s. http://www.amoenau.de/chronik-des-dorfes/).
Der Adelssitz war im Spätmittelalter im Besitz der von Hohenfels, einer schon früh in mehrere Linien geteilten begüterten Niederadelsfamilie (vgl. Niederasphe; zur Familie s. Heldmann 1895). 1226 hatte ein Zweig der von Hohenfels Besitz in Amönau, was durch Urkunden über einen Rechtstreit wegen des Zehnten zwischen Verwandten belegt ist. 1227 wurde den Hohenfelsern Amönau abgesprochen. Aus dem Kontext der Auseinandersetzungen ist eine Urkunde von 1270 erhalten, die den Söhnen des Hosekin von Hohenfels - Kraft, Volbert, Konrad, Gumpert und Ekkehard - u. a. den Hof und das Patronat zu Amönau, nebst dem dortigen Zehnt zusprach. Ob der Ortsadelssitz der Amönauer Linie der von Hohenfels an der Stelle des Schlosses zu suchen ist und möglicherweise aus dem 1008 von König Heinrich II. dem Stift St. Stefan in Mainz überlassenen Herrenhof "Amena" hervorging, lässt sich beim derzeitigen Kenntnisstand nicht entscheiden. 1570 waren die Braun von Hohenfels Besitzer des Schlosses.
Zu einem bisher nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt in der zweiten Hälfte des 16. Jh. kam Amönau an die ritterliche Familie von Rehen ("Löwenstein von Rehen"). Nach einer offenbar recht kurzen Besitzphase dieses Geschlechts gelangte das Schloss 1588 an die von Bodenhausen; zu Beginn des 17. Jh. war Johann von Bodenhausen (1570-1612) der Besitzer des Schlossgutes. Seine Witwe Hedwig ließ das Lusthäuschen erbauen. Trotz der neun Kinder, die Johann und Hedwig hatten, starb schon 1712 mit ihren Enkeln die Linie der von Bodenhausen aus. Bereits 1711 gelangte der Schlossbesitz von Maria von Bodenhausen, Witwe des Georg Riedesel zu Eisenbach, durch Verkauf an Carl Eberhard von Baumbach (+1730). Seither ist er im Besitz der Familie von Baumbach.
Seit 1746 galt das Schloss als freiadeliger Hof, seit 1846 war es ein Rittergut. Heute ist das Schloss ein unter Schutz gestelltes Kulturdenkmal im Sinne des § 2, Abs. 1 HDSchG (Hessisches Denkmalschutzgesetz) an „ortsbildprägender Stelle“.
Das Lusthäuschen des Schlosses diente dem Künstler Otto Ubbelohde (1867-1922) als Vorbild für den "Rapunzelturm" in seinen Illustrationen zu Märchen der Gebrüder Grimm, worauf dieser im Ort und in der Region auch gebräuchliche Name zurückgeht: "Die vielleicht bekannteste Märchenillustration von Ubbelohde zeigt Rapunzel, die sich ihr langes goldenes Haar kämmt, das aus dem hoch gelegenen Fenster hängt und bis auf den Boden reicht" (Liessem 2002, S. 42). Ubbelohde stellte das Lusthäuschen nicht detailgetreu dar, er modifizierte es (u.a. in den Proportionen) in seinem Sinne.
(Michael Losse)

Bauentwicklung:

Am nördlichen Abschnitt der Ringmauer des Schlosses führt die Verbindungsstraße nach Todenhausen entlang, die mutmaßlich aus einer älteren, wohl mittelalterlichen Straße hervorging. Eine Burg als Vorgängerbau des Schlosses an dieser bei Todenhausen das Wetschafttal und den Westrand des Burgwaldes erreichenden Straße liegt nahe - die Positionierung des "Rapunzelturmes" (s.u.: Lusthäuschen) wurde als mögliches Indiz dafür angeführt.
Der im Grundriss T-förmige Schlossbau soll im Kern des rückwärtigen Flügels aus Bruchstein auf das späte 15. Jh. zurückgehen, während der Hauptflügel mit Fachwerkgeschossen und Mansarddach nach unterschiedlichen Auffassungen im 17. Jh. (?) oder um 1800 entstand bzw. verändert wurde (die Haustür "1805" datiert). Für die verschiedentlich vor Ort geäußerte Vermutung, der ältere Teil des Herrenhauses "mit seinen gewaltigen Mauern und Gewölben [die Beschreibung "gewaltig" ist nicht gerechtfertigt; d. Verf.] und altertümlichen Kaminen" könne auf die frühromanische Zeit um 1008 zurückgehen, lässt sich am Baubestand keinesfalls bestätigen. Auch der im Netz (u.a. Wikipedia) zu findende Hinweis auf den Bau eines Wohnturmes sowie einer Wehrmauer um diesen und die benachbarte Kirche durch die Herren von Hohenfels im 15. Jh. ist nicht nachweisbar und sehr unwahrscheinlich.
Eine Renovierung des Lusthäuschens veranlasste 1975 die damalige Schlosseigentümerin Irene von Baumbach (geb. von Kriegsheim). Da diese Arbeiten, so Hinweise in den Unterlagen des LAD Hessen, Außenstelle Marburg, in einer Art von "Nachbarschaftshilfe" durchgeführt wurden, fehlt eine Dokumentation der Maßnahme. Vor dieser war 1974 sogar vorgeschlagen worden, das Gebäude abzutragen und neu aufzuführen.
Dokumentationen zum Baubestand des Lusthäuschens entstanden vor der letzten Renovierung der 1990er Jahre; sie werden in der Außenstelle Marburg des LAD Hessen aufbewahrt: 1.) Dokumentation des Freien Instituts für Bauforschung und Dokumentation (IBD), Marburg, erstellt 1996 auf Basis der Untersuchungen vom 31.10. bis zum 2.11.1995 und vom 1. bis zum 19.1.1996 (enthält u.a. verformungsgerechte Planaufnahmen als Grundlage für bauanalytische Untersuchungen); 2.) Prof. Dr.-Ing. Dieter Haberland (Beratender Ing. für das Bauwesen/Prüfung für Bautechnik): Untersuchungsbericht zur Schadensaufnahme am Gartenhaus Am Riedtor 2 in Wetter-Amönau, Kassel und Marburg o.J.; 3.) Institut für Konservierung, Restaurierung, Fachbüro für Denkmalpflege (IfKR) Gerd Belk GmbH, Schlitz: Befunddokumentation (u.a. Putze). 1997/99 erfolgten schließlich Sanierungsmaßnahmen.
Ein Teilstück der über weite Strecken eher (früh-)neuzeitlichen Ringmauer an der Nordseite stürzte 1990 ein (s. Oberhessische Presse, 20.7.1990 und 11.9.1990). Es erfolgte der Vorschlag, eine Neuverfugung vorzunehmen bzw. zum Teil eine Abtragung und Neuaufmauerung durchzuführen. Nach dem Einsturz eines Mauerstücks mit gusseisernem Zaun wurde ein 0,6 m langes Zaunstück gesichert, "um in der Folge nach etwaigen Möglichkeiten zur Rekonstruktion der fehlenden Stücke zu recherchieren".
Derzeit sind Teile der Gesamtanlage (u.a. das Herrenhaus) stark sanierungsbedürftig.
(Michael Losse)

Baubeschreibung:

Zusammen mit der evangelischen (bis heute fälschlich als Wehrkirche bezeichneten) Pfarrkirche bildet das Schloss eine malerische Baugruppe auf einem von Asphe und Treisbach gerahmten, ansteigenden Geländesporn über dem Amönauer Mühlkanal. Eine Pforte vermittelte die Verbindung zwischen Schloss- und Kirchhof (vgl. in Hessen die Adelssitze neben Kirchhöfen in Beiseförth, Herleshausen, Röhrda, Willingshausen). Schloss und Kirche bilden eine der eindrucksvollsten aus Adelssitz und Kirche zusammengesetzten Baugruppen, die im mittleren und nördlichen Hessen, aber auch andernorts, häufiger nachweisbar sind, so im Nachbarort Niederasphe.
Das im Grundriss T-förmige zweigeschossige Hauptgebäude, das Herrenhaus, setzt sich aus dem rückwärtigen Flügel aus Bruchstein (spätes 15. Jh./um 1500?) mit Mansardwalmdach und dem frühneuzeitlichen siebenachsigen Hauptflügel in Fachwerk mit Mansardwalmdach und großem Zwerchhaus (nach unterschiedlichen Auffassungen 17. Jh. oder um 1800 erbaut bzw. verändert) zusammen. Letzterer zeigt ein klassizistisches Erscheinungsbild. Die angeblich dem frühen 11. Jh. angehörenden „gewaltigen Mauern und Gewölbe“ des älteren Bauteils sind deutlich jünger (s. Bauentwicklung).
Das Herrenhaus umgibt weitläufig eine 0,6 bis 1,2 m starke Ringmauer, an der sich im heutigen Zustand keine Wehrelemente erkennen lassen. An ihrer Ostseite ist die Mauer teils identisch mit der des Kirchhofes – sie schließt hier einen im Grundriss leicht parallelogrammförmigen Teil des Gartens ein – und an der Ostseite stößt sie an die Gebäude des Wirtschaftshofes.
Zwischen der Straße, am Lusthäuschen ansetzend, und der Kirche (Westseite) ist die Mauer weitgehend freistehend 2 bis 3 m hoch und ca. 0,6 m dick ausgebildet, wobei der Niveau-Unterschied zwischen innen (Garten) und außen (Kirchhof) bis zu 0,7 m beträgt. Die Schloss- und Kirchhof verbindende, offenbar nachträglich eingefügte Pforte trägt im Sturz die Datierung „1613“.
Das parallel zur Straße verlaufende nördliche Teilstück der Ringmauer dient als Stützmauer für die hier 2,1 bis 3 m hohe Geländestufe. Sie zeigt an der Nordseite strukturell unterschiedliche Abschnitte: Neben kleinteiligem Bruchsteinmauerwerk sind Quader und Bruchstücke von (den Bearbeitungsspuren nach frühneuzeitlichen) Quadern, teils mit Spiegel und/oder Randschlag in Zweitverwendung, d.h. sie stammen wohl von einem anderen Gebäude. Die unterschiedlichen Stärken dieses Teilstücks von 0,8 bis 1,1 m rührt daher, dass hier Bewuchs die Mauersubstanz aufgelockert hat.
Unklar bleibt vorerst, ob die Stützmauer zwischen Hofeinfahrt und Lusthäuschen ursprünglich höher war oder ob das Bodenniveau bzw. Planum vor der Mauer möglicherweise bei der Anlage des Fahrweges „Am Riedtor“ aufgehöht wurde. Für letztere Annahme spricht, dass die Mauer hier für ihre erkennbare Stützhöhe von 2,1 m mit über 1 m Dicke recht stark ist. Auch in einer Tiefe von 0,55 m unter dem jetzigen Bodenniveau war bei Sanierungsarbeiten noch kein Übergang zur Grundsohle sichtbar, hingegen kam ortsfremdes Verfüllmaterial vor, das nachträglich eingebracht worden sein muss (Prof. G. Gudehus, nach Unterlagen im LAD Hessen, Außenstelle Marburg). Der Mauerkopf ist hier mit zwei Reihen Steinplatten abgedeckt.
An der Nordostecke des Gartenareals öffnet sich in der Umfassungsmauer das Einfahrtstor. Von hier führt, begleitet von einer kleinen, bis zu 1,3 m hohen Stützmauer, die Zufahrt zum gepflasterten Hof vor dem Herrenhaus.
In Fortsetzung der Ringmauer steht im oberen Teil des straßenparallelen Mauerzuges ein ehemaliges Ökonomie- bzw. Stallgebäude des Wirtschaftshofes. Das nach Augenschein mehrfach veränderte zweigeschossige Bauwerk mit Satteldach hat über etwa zwei Drittel seiner Länge ein massives Untergeschoss aus Bruchstein und besteht ansonsten aus Fachwerk. Umbauten belegen z. B. die deutlich erkennbar zugesetzten Öffnungen im Untergeschoss. Von einem Umbau des 19. Jh. stammen die eisernen, säulenartigen Stützen mit Kapitellen im Untergeschoss, auf denen die Decke aus Preußischen Kappen ruht. Weitere Gebäude des Wirtschaftshofes wurden stark modernisiert oder neugebaut.
Den Gartenpavillon, das sogenannte „Lusthäuschen“, an der unteren Ringmauerecke ließ Hedwig von Bodenhausen 1615/16 erbauen. Es erhebt sich über der schmalsten Stelle zwischen der Ringmauer und der Asphe und hat die Form eines Flankierungsturmes bzw. -turmerkers mit polygonalem Fachwerkobergeschoss.
Das auf der rechtwinkligen Mauerecke aufsitzende, 8 m hoch aufragende Renaissance-Lusthäuschen kragt als Erkerturm über einer Blattkonsole bzw. einem Blätterfries aus; das oktogonale Fachwerk-Obergeschoss krönt eine flache Haube. Das über eine steinerne Treppe vor der Südfassade (über einen assoziierten „Wehrgang“) erschlossene Obergeschoss (Steinportal an der Traufe datiert „1616“) setzt sich in einem längsrechteckigen, satteldachgedeckten Annex auf der Ringmauer fort. Die Zierausfachungen bestehen aus roten Ziegeln. Am steinernen Unterbau ist ein Wappenrelief angebracht, darüber und darunter sitzen Inschrifttafeln. Das Allianzwappen zeigt heraldisch rechts das Wappen von Bodenhausen mit drei Sicheln, links das Wappen der Rau von Holzhausen, darüber die Datierung „1615“. Der Text der oberen Inschrift lautet: „HEDWIG JOHANIS CONJUX QUONDAM A BODENHAUSEN QUI VITA HIC FUNCTUS VIVIT IN ARCE POLI RAV-HOLTZHVSANO PROGNATA EST E(T) MATE FECIT COMODAVIT HAEC SEDES TUTA ET AMAENA“. Der Text der unteren: „HINC HAE STANT AEDES MURI VI RIDARIA PORTA HINC PLURA AUXILIO SUNT FABREFACT(A) DEI FAC DEUS UT PIETAS ET PAX HAC SEDE PERENNENT SINT O [Q oder Et?] HABITATORES JUCITER INCOLUMES“. Fassungsreste (Befund Mai 1979) ergaben rot abgesetzte Eckquader und Fenstergewände auf weißen Putzflächen.
Das Amönauer Lusthäuschen gehört zu den frühen Beispielen seiner Art in Deutschland. Es suggeriert einen Flankierungsturm und stellt damit typologisch die bauliche Verbindung von Wehrbau (Turm, Rondell) und Lusthaus bzw. Gartenpavillon dar, die in der Frühen Neuzeit, insbesondere im 17./18. Jh., nicht selten war.
(Michael Losse)

Arch-Untersuchung/Funde:

Unbekannt