Geschichte:
Die Anfänge von Kassel liegen in einem spätestens im 8. Jh. existierenden, fränkischen Königshof, der aber erstmals 913 unter dem Namen Chasella in der historischen Überlieferung erscheint. Für das 10. Jh. kann auf dem Burgberg ein palatium erschlossen werden, da für die Jahre 913, 940 und 945 Königsaufenthalte belegt sind. Im Jahr 1008 übertrug König Heinrich II. seine curtis, die damals wahrscheinlich auch befestigt war, an seine Gattin Kunigunde. Kurz darauf ist der königliche Aufenthaltsort nach Kaufungen verlegt worden, der Wirtschaftshof blieb aber in Kassel bestehen. Die curtis wurde im 11. Jh. an die hessischen Grafen Werner als Reichslehen vergeben. Über die Gisonen gelangte der Besitz schließlich 1137 an das thüringische Grafengeschlecht der Ludowinger.
Eine spätere Tradition erwähnt für das Jahr 1143 die Ummauerung von Kassel und Erneuerung der "uralten Burg" durch den Grafen Raspe. Dies ist noch durch keine andere Quelle bestätigt worden, doch ab 1152 sind Burgmannen "de Cassel" bezeugt, sodass für diese Zeit die Existenz einer ludovingischen Burg anzunehmen ist. 1277 begann Landgraf Heinrich I. von Hessen mit dem Bau einer neuen Burg, für die er zuvor ein "Schloss" abbrechen musste. Die neue Burg soll aber größtenteils aus Holz bestanden haben. Aus der Tatsache, dass sie 1378 von Kasseler Bürgern eingenommen wurde, wird geschlossen, dass sie keine eigene Befestigung vorweisen konnte, sondern innerhalb der Stadtbefestigung lag. Aus dem Jahr 1386 heißt es, dass es in Kassel keine "Festung" geben habe, sondern sie erst in der Folgezeit errichtet wurde. Einen Umbau der Burg, der wohl einem Neubau gleichkam, nahm nach der Mitte des 15. Jhs. Landgraf Ludwig II. vor. Zwischen 1557 und 1562 erfolgte unter Landgraf Philipp dem Großmütigen ein Neubau als Renaissanceschloss. Dieses ging 1811 in einem Großbrand unter. Als neue Residenz wurde durch den Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen-Kassel ab 1816 die Brandruine abgerissen und an ihrem Platz mit dem Bau der überdimensionierten Chattenburg begonnen. Mit dem Tode Wilhelms wurden die Bauarbeiten nach Vollendung des Rohbaus des ersten Stocks aber eingestellt. Die Bauruine wurde ab 1870 abgerissen, an ihrer Stelle entstand das heutige Landratsamt. (Stefan Eismann)
Bauentwicklung:
Der fränkische Königshof war wohl spätestens im 9. Jh. mit einer Befestigung versehen gewesen. Nach der Verlegung der curtis nach Kaufungen 1008 verfiel er. Laut heute verschollenen Quellen des 12. Jhs. ist zu dieser Zeit ein Grafensitz an der Stelle eines verfallenen Bauwerkes errichtet worden, bei dem es sich um die ehemalige königliche Unterkunft gehandelt haben könnte.
1277 ist die Burg durch Landgraf Heinrich I. erneuert worden. Eine richtige Befestigung der Burg ist wohl erst in den Jahren nach 1386 entstanden. Aus dem Jahr 1442 sind Arbeiten an der Zugbrücke und der Küche überliefert. 1462 wurden die beiden Bergfriede mit neuen Dächern versehen und ein Saalbau aus Fachwerk auf einem Steinsockel errichtet. 1469 wurde dieser sogenannte Ludwigsbau durch eine Pulverexplosion zerstört und als Steinbau wiederaufgebaut. 1469/70 wurde auch die Schlosskapelle deutlich vergrößert, 1502 aber wieder rückgebaut. 1485 wurden einige Wirtschaftsgebäude neu errichtet. Um diese Zeit umfasste der Gebäudebestand zudem eine Badestube, ein Frauengemach, ein Backhaus, ein Neues Haus, ein Statthaltergemach, eine Jungfernstube, ein Fischerhaus, zwei Küchen und einen Zwinger. Um 1500 wurde an der Fulda der "Rotenstein" genannte Schlossflügel errichtet. Ab 1523 ließ Landgraf Philipp der Großmütige die Burg mit Wällen und Rondellen befestigen; zunächst durch Jakob von Ettlingen und nach 1525 durch Jost Riemenschneider und dessen Sohn Thönges. 1547/48 wurden die Wälle auf Anweisung Kaiser Karls V. geschleift. Zwischen 1557 und 1562 wurden die bestehenden Gebäude abgerissen und durch ein Renaissanceschloss nach Plänen des fürstlichen Baumeisters Antonius Riemenschneider ersetzt. 1567 wurde das Rondell an der Fulda neu errichtet, das 1652 und 1879 aufgrund von Unterspülungen instandgesetzt werden musste. Die Befestigungen wurden ab 1760 eingeebnet. 1811 brannte das Schloss ab, daraufhin wurde mit den Fundamentierungsarbeiten für die überdimensionierte "Kattenburg" begonnen, deren Bau 1821 eingestellt wurde. (Stefan Eismann)
Baubeschreibung:
Die fränkische curtis befand sich sehr wahrscheinlich in dem Bereich am Steinweg, in dem auch der spätere Wirtschaftshof des Landgrafensitzes gelegen hat. Eine definitive Lokalisierung durch archäologische Beobachtungen ist aber bislang noch nicht gelungen.
Die Kasseler Stadtburg lag auf dem Burgberg, einer nur 14 m hohen, wenig exponierten Erhebung über der Einmündung eines Baches in die Fulda, die auf den anderen Seiten keinen natürlichen Schutz bot. Eine vielleicht schon im 9. Jh. entstandene Befestigung ist nur durch ein kurzes, 1959 aufgedecktes Mauerstück auf dem Burgberg belegt. Die Gestalt der hochmittelalterlichen Bauten ist durch spätere Überbauung überprägt und kann deshalb nicht genauer bestimmt werden. Die Burg des Landgrafen Ludwigs II. aus der 2. Hälfte des 15. Jhs. besaß die Form eines Vierecks, dessen Nordwestseite der Palas einnahm. Gegenüber lag der zu Beginn des 16. Jhs. errichtete neue Palas, der "Rotenstein" genannt wurde.
Genaueres zur Befestigung der Burg lässt sich erst anhand des Stadtplanes von Michael Müller aus der Mitte des 16. Jhs. aussagen. Ein großes Rondell im Südosten des Zwingers an der Fulda ist durch einen überwölbten Gang mit dem Schloss verbunden gewesen. Zwei kleinere Rondelle befanden sich zudem im Nordosten und Nordwesten.
Das Renaissanceschloss Philipps des Großmütigen besaß die Form eines leicht trapezförmigen Vierflügelbaus. Wäre die Chattenburg fertig gestellt worden, hätte sie die Gestalt eines Vierflügelbaus mit nach Westen vorgezogenen Seitenflügeln besessen.
Die zahlreichen Bauten haben sich nur in sehr geringen Resten erhalten. Von der Kattenburg steht noch eine Erdgeschossmauer in der Staatlichen Gemäldegalerie, vom Renaissanceschloss existieren noch die Kellergewölbe. (Stefan Eismann)
Arch-Untersuchung/Funde:
1953/54 wurden Keller und Fundamente der 1462/66 errichteten Burg bei Ausgrabungen freigelegt.
1959 wurde ein Mauerstück der hochmittelalterlichen Befestigung aufgefunden.