Geschichte:
Der Ort Ziegenhain war Residenz des gleichnamigen Grafengeschlechts, eines Zweigs der Grafen von Reichenbach und Wegebach. Diese erscheinen erstmals 1144 als "Grafen von Cigenhagen" in der Zeugenliste einer Urkunde. Dieses Datum bedeutet auch den ersten Beleg für den Ort selbst, der ausdrücklich aber erst 1230 das erste Mal genannt wird. Die Burg selbst wird schon 1183 als "castrum" erwähnt.
Das Gebiet der Grafschaft Ziegenhain bildete quasi die Trennlinie zwischen Nieder- und Oberhessen, zudem kontrollierte sie den wichtigen Verkehrsweg der "Langen Hessen". Die Grafen versuchten durch eine geschickte Politik, nicht in den Konflikten zwischen den Landgrafen von Hessen und dem Erzbistum Mainz zerrieben zu werden; so waren sie zeitweise Lehnsleute beider Seiten. Sie büßten aber dennoch im Laufe der Zeit an Bedeutung ein. 1371 entwickelte sich aus Erbstreitigkeiten der Grafen von Ziegenhain heraus der Krieg des sog. Sternerbundes mit den hessischen Landgrafen. Dabei waren die Grafen mit Otto von Braunschweig und zahlreichen Rittern weit über Hessen hinaus verbündet. Nachdem die Landgrafen den Konflikt 1374 für sich entschieden hatten, stützten sich die Grafen auf das Erzbistum Mainz. Als die Landgrafen 1427 auch über Mainz triumphierten, war ihre Position aber endgültig nicht mehr haltbar. Der kinderlose Graf Johann II. überschrieb die Grafschaft an die Landgrafen, die nach seinem Tod 1450 in ihren Besitz kamen. Es folgte aber ein jahrzehntelanger Rechtsstreit mit den Grafen von Hohenlohe, die berechtigte Erbansprüche erhoben hatten. Ziegenhain blieb eine der bedeutendsten Militärstützpunkte Hessen-Kassels. Da die Festung nie erobert wurde, entstand das Sprichwort "fest wie Ziegenhain". Erst im Siebenjährigen Krieg richtete nach der Einnahme der Festung durch die Franzosen 1761 ein Beschuss durch hessische Truppen großen Schaden an. In den Napoleonischen Kriegen wurde Ziegenhain 1806 erneut durch französische Truppen besetzt, die im Folgejahr mit der Schleifung der Festung begannen. Die Toranlagen blieben dabei aber bestehen. 1832 wurde die Garnison aufgelöst und einige ihr dienende Gebäude abgerissen. 1842 wurden das Schlossgebäude, das Kornhaus und andere Bauten zu einer Zwangsarbeitsanstalt für Männer umgebaut. Als Justizvollzugsanstalt dient das Gelände noch heute. (Stefan Eismann)
Bauentwicklung:
Über die hochmittelalterliche Baugeschichte der Burg ist nichts bekannt. 1243 war eine Kapelle vorhanden, da damals ein Schlosskaplan erwähnt wird. Der in den Schlossbau integrierte Wohnturm wurde wohl schon im 14. Jh. errichtet. 1420 wurde das Schloss um einen Küchenbau erweitert. Um 1470 ließ Landgraf Heinrich II. mit dem Ausbau der Burg zum Jagdschloss durch seinen Baumeister Jakob von Ettlingen beginnen. 1506 baute dieser Architekt an der Außenmauer auf dem heutigen Renthof sein eigenes Wohnhaus, das 1970 wegen zu hoher Renovierungskosten wieder abgerissen wurde. Der Ost- bzw. Fürstenflügel wurde 1513 fertiggestellt.
Unter dem Landgrafen Philipp dem Großmütigen wurde zwischen 1537 und 1546 die Schlossanlage zu einer Festung umgestaltet. Im Zuge dessen entstand die Kommandantenwohnung am Paradeplatz mit anschließendem Marstall. 1579 wurde das Kornhaus umgebaut. Um 1600 erfolgte der Bau des Nordflügels als Regierungsgebäude. Zwischen 1927 und 1930 wurde dieser abgerissen und auf dem alten Grundriss neu errichtet, dabei wurde ein Westflügel an der Stelle alter Stallungen angefügt. 1626 erfolgte die Erweiterung der Festung durch die Anlage von vier Dreiecksschanzen (Ravelins). 1807 wurde die Festung durch die Franzosen geschleift. 1843 wurden die noch stehengebliebenen Festungstore im Süden und Osten abgebrochen, vom denen das südliche ursprünglich ein Torturm des Mittelalters war. Am Ende des 20. Jhs. wurde die Schlossanlage renoviert. (Stefan Eismann)
Baubeschreibung:
Bei den Ausschachtungsarbeiten für einen Luftschutzbunker kamen 1944 hinter der Stadtkirche im Arnthof die Grundmauern einer Rundburg von 42 m Durchmesser bei einer Mauerstärke von 2,60 m zutage.
Das heutige Schloss besteht aus einer unregelmäßigen, fünfseitigen Anlage, die einen Wohnturm des 14. Jhs. einbezieht. Der Wohnturm des Schlosses bildet heute den Eckbau im Nordosten der Justizvollzugsanstalt. Im zweiten Stock war eine Kapelle eingebaut, der Altarerker zeichnet sich noch heute an der Außenseite ab. Der 1513 fertig gestellte Ostflügel ist ein dreigeschossiger Putzbau mit rundem Treppenturm in der Mitte der Außenseite. (Stefan Eismann)
Arch-Untersuchung/Funde:
1944 Aufdeckung der ursprünglichen Burg bei Ausschachtungsarbeiten. Unter den Funden befand sich Keramik mit Rollrädchenverzierung.