Geschichte:
Bei der Burg auf dem Christenberg handelt es sich um eine bedeutende karolinger- bis ottonenzeitliche Befestigungsanlage, die an der Stelle einer vorgeschichtlichen Fliehburg errichtet worden ist. Eine beeindruckende Holz-Erde-Befestigung sicherte die latènezeitliche Befestigungsanlage (ca. 480-200 v. Chr.). Aufgrund dendrochronologischer Untersuchungen kann der Beginn der Anlage in das Jahr 447 v. Chr. datiert werden. Für den Zeitraum zwischen 450 und 200 v. Chr. ist eine dauerhafte Besiedlung des Christenberg nachweisbar. Ob es sich um einen keltischen Fürstensitz handelt, ist unklar.
Zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt im 7. Jh. n. Chr. entstand an der Stelle der nach Zerstörung aufgelassenen keltischen Befestigung eine fränkische Anlage, die neben dem Schiffenberg bei Gießen zu den um 700 bestehenden Großburgen gehörte. Strickhausen nimmt eine Erbauung im Rahmen der Konsolidierung des Merowingerreiches unter den Königen Chlotachar II (+629) und Dagobert (+639) an. Bis zu ihrer vorübergehenden Aufgabe wurde die Befestigung um 800 einmal erweitert. Entgegen der Ansicht von Rolf Gensen (1989) spielte der Christenburg bei der für das Jahr 778 bezeugten Schlacht - eher einem Gefecht - zwischen den Franken und Sachsen bei Laisa unweit von Battenberg keine entscheidende Rolle. Die Errichtung der frühmittelalterlichen Burg dürfte ebenso wie die Befestigung des Bürabergs bei Fritzlar im Kontext der Erschließung Nordhessens durch die fränkische Reichsgewalt zu sehen sein. Sehr wahrscheinlich wurde die beeindruckende Anlage nach den Feldzügen gegen die Sachsen in der ersten Hälfte des 9. Jh. aufgegeben. Nach einem längeren Hiatus wurde die Burg zu Beginn des 10. Jhs. unter den Konradinern in sehr aufwändiger Bauweise erneuert und ausgebaut. Zudem entstand auf der höchsten Stelle ein erster Kirchenbau. Strickhausen vergleicht das repräsentative Bauprogramm mit dem einer Königsüfalz und nimmt deshalb als Erbauer König Konrad I. (911-918) an. Nach der Mitte des 10. Jhs. bestand mit der Auflösung des konradinischen Grafschaftsverbandes in Hessen kein Bedarf für Großburgen wie die Kesterburg mehr. Die Burg wurde nach den archäologischen Funden im späten 10. oder sogar erst im frühen 11. Jh. aufgegeben und die Kirche nach Wetter verlegt.
Ungeachtet dessen begegnet der Christenburg in der hochmittelalterlichen Überlieferung. Mit dem Gericht Münchhausen gelangte die 1227 als Kesterburg bezeichnete Anlage an das Kloster Amöneburg und mit diesem 1120 an das Erzstift Mainz. 1464 erfolgte der Übergang an die Landgrafschaft Hessen. Auch nach dem Verlust der Funktion als militärischer Stützpunkt diente der Christenberg als Sitz des Dekanats. Inmitten des Burggeländes befindet sich die frühromanische Kirche St. Martin, die heute als Friedhofskapelle dient. Eventuell ist der Burgwald als königlicher Forst anzusprechen, dessen Zentrum die Kesterburg bildete. Infolge des Langsdorfer Vertrags wurde 1263 der Burgwald zwischen Hessen und Mainz geteilt so dass für die Folgezeit eine starke Besitzzersplitterung zu beobachten ist. (Jens Friedhoff/Stefan Eismann)
Bauentwicklung:
Das Plateau auf dem auf drei Seiten steil abfallenden Geländesporn, der an der Ostseite in ein Höhengelände übergeht, wurde in der frühen Latènezeit mit einer starken Holz-Stein-Erde-Befestigung gesichert. Wissenschaftliche Untersuchungen darin verkohlt erhaltener Eichenstämme ergaben das Jahr 420 v. Chr. als Fälldatum. Es scheint, die erste keltische Befestigung habe nur das Ausmaß der späteren fränkischen Hauptburg gehabt und sei erst in einer zweiten Bauphase - noch innerhalb der Frühlatènezeit - um das Gelände der späteren fränkischen Vorburg erweitert worden, das durch einen Wall gesichert wurde.
In etwa dem Verlauf des späteren frühmittelalterlichen Berings folgend, war das ca. 4 ha große innere Areal der Burganlage von einer ca. 8 m starken Holz- Erde-Mauer mit steinerner Frontverblendung umzogen, der im Osten ein flacher Sohlgraben vorgelagert war. Das wohl einzige, mehrfach umgebaute Zangentor lag im Südosten
Um 700 n. Chr. entstand anstelle der um 200 v. Chr. zerstörten und aufgegebenen keltischen Befestigung eine fränkische Burg, die im Zeitraum nach 700 bis in das 10. Jh. mehrfach verändert und teils erweitert wurde. Sie gehörte, wie die Amöneburg (Kreis Marburg-Biedenkopf) und die Burg auf dem Schiffenberg bei Gießen zu den um/nach 700 bestehenden, dem Reich zuzuordnenden Großburgen, denen politische, militärische und teils kirchliche Zentralfunktionen, Gerichtsbarkeit und Wirtschaftsfunktionen (Produktion und Handel) zukamen.
Die ursprünglich fränkische Burg war 3 ha groß und wies im Vergleich zur späteren Ausdehnung an der Ostseite eine bis zu 50 m nach innen verkürzte Fläche" auf; ihrer unfundamentierten, ca. 1,80 m starken, gemörtelten Ringmauer war kein Graben vorgelegt. In einer mit wenig zeitlichem Abstand erfolgten zweiten Bauphase erfolgte eine Erweiterung auf 4 ha; der aus einer zweischaligen Mörtelmauer bestehende Bering, der über weite Strecken dem Verlauf der keltischen Befestigung folgte, erreichte danach 2,5 bis 3 m Stärke.
Wahrscheinlich nach den Sachsenkriegen verfiel die Burg, weil sie nicht mehr benötigt wurde. Wann die Burg wieder belegt wurde, im späten 9. oder erst in der 1. Hälfte des 10. Jhs. lässt sich beim gegenwärtigen Forschungsstand nicht angeben. Die Befestigung wurde in anderer Mauertechnik wieder instandgesetzt buw. streckenweise neu errichtet. Das Osttor wurde verschlossen, das Südtor ausgebaut und mit zwei rechteckigen, farbig verputzten Vorbauten versehen. Erstmals wurde im Norden ein Zugang in Form eines Zangentores mit ungewöhnlich langer Torgasse angelegt, das später mit einem rechteckigem und einem halbrunden Vorbau verstärkt wurde. An der Nordwestecke des Plateaus entstand ein mächtiger Rundturm. In diese Phase gehörte wohl auch das umfangreiche Wall-Graben-System im östlichen Vorfeld gegen das an den Sporn anschließende Plateau und die eingetieften Steinfundamenthäuser in der Innenfläche. Nach den letzten Ausbauten umfasste die Kesterburg mit ihrer Vorbefestigung schließlich eine Fläche von insgesamt 8 ha. (Michael Losse/Stefan Eismann)
Baubeschreibung:
Der Christenberg springt aus den Buntsandsteinhöhen des Burgwaldes nach Westen ins Tal der Wetschaft vor. Er bildet einen nach Süden, Westen und Norden steil abfallenden Geländesporn, der an der Ostseite in ein Höhengelände übergeht. Die Lage bot beste Voraussetzungen zur Anlage einer Siedlung in Schutzlage bzw. einer Höhenbefestigung. So wurde das ca. 4 ha große Plateau auf dem Sporn in der Frühlatènezeit mit einer starken Holz-Stein-Erde-Befestigung umgeben. Wissenschaftliche Untersuchungen darin verkohlt erhaltener Eichenstämme erbrachten das Jahr 420 v. Chr. als Fälldatum.
Im ersten Bauzustand war die fränkische Kesterburg ca. 3 ha groß und durch eine zweischalige Ringmauer in Mörtelsetzung gesichert. In einer 2. Bauphase erfolgte eine Erweiterung auf 4 ha Fläche; dabei wurde der Bering der keltischen Befestigung in großen Teilen übernommen. Jener wurde eine 1,8 bis 2,4 m starke zweischalige Mörtelmauer vorgesetzt. Im Osten, gegen das anschließende Plateau, entstanden als Schutz zwei Spitzgräben. Vermutlich zwei weitere Umbauten erfolgten, bis die Burg mit ihrer Vorburg schließlich eine Fläche von insgesamt 8 ha umfasste. Das dem Hauptwall der Vorburg vorgelegte System aus bis zu sieben Wällen und Gräben gehört in seinem guten Erhaltungszustand zu den eindrucksvollsten Befestigungsanlagen seiner Art in Europa. Es mag in dieser Form der Zeit der Ungarneinfälle im 9. Jh. entstammen, als man versuchte, mit solchen Wall-Graben-Systeme Angriffe von Reiterkriegern zu erschweren.
An der Südseite erhob sich ein (dreigeschossiger?) Torbau mit zwei feldseitig das Tor flankierenden Bauten. Aus der Ringmauer sprangen weitere Baukörper zur flankierenden Verteidigung vor. Im Norden entstand später ein zusätzliches Tor. Rechteckige und hufeisenförmige Werke – die wohl keine Türme waren – ermöglichten an besonders gefährdeten Punkten eine flankierende Verteidigung, und an der Nordwestecke der Befestigung sicherte ein ausspringendes gerundetes Werk (Rundturm[?], 8,50 m Ø, wohl 3. Bauphase) die Wehrmauer und vermutlich auch die östlich entspringende Quelle.
Innenbebauung: Das Burginnere war mit Pfosten- und Grubenhäusern dicht bebaut, soweit es sich nach jahrhundertelanger landwirtschaftlicher Nutzung des Innenbereiches nachweisen lässt. Westlich der Martinskirche stand ein eingetiefter, durch längsrechteckigen Anbau ergänzter Steinbau (Webhaus) aus dem Ende der Befestigungsperiode; daneben ein leicht eingetiefter Holzbau mit Spuren einer Herdstelle. Ungefähr 20 m nördlich des Osttores stand parallel zum Verlauf des Berings ein 11 m langes, eingetieftes, in 2 Räume unterteiltes Gebäude mit Holzdielendecke und im „südlich anschließenden Bereich liegen zahlreiche Bebauungsspuren von eingetieften Grubenhäusern und eines sechseckigen Pfostenbaus“ (6 m Ø; Getreidespeicher?).
Im Nordosten, nahe des Osttores, fand sich ein trockengemauerter quadratischer Brunnenschacht über einem Unterbau aus behauenen Buchenstämmen (Fällzeit 753/54), der dendrochronologisch auf 810 datiert werden konnte. Die Fülle des im gesamten Siedlungsbereich geborgenen Fundmaterials lässt auf eine relativ dichte Innenbesiedlung der Anlage schließen
Die an der höchsten Stelle innerhalb der Burg stehende St.-Martins-Kirche, ein Saalbau mit Westturm und ehemals einer Halbrundapsis, enthält Bauteile des 11. Jh. (in den Langhauswänden teils opus spicatum) und der Spätgotik (Chor um 1520; Turmhelm mit Eckwarten). Sie steht anstelle einer durch archäologische Grabungen untersuchten älteren Saalkirche des 10. Jhs. mit annähernd quadratischem Chor und breiterem, in der Längsachse leicht nach Norden versetztem Kirchenschiff sowie möglicherweise zweitürmiger Westfront. Südlich neben der Kirche liegt ein Friedhof. Dort wurden mehrfach starke Fundamentmauern eines wohl nicht mit der Kirche zusammenhängenden Gebäudes aufgefunden. Strickhausen vermutet hier einen profanen Saalbau als Palas. (Michael Losse/Stefan Eismann)
Arch-Untersuchung/Funde:
Anfang der 1950er Jahre erfolgte ein Wallschnitt an der Westseite durch Otto Uenze. 1953 wurde in und bei der Martinskirche gegraben.
Umfängliche archäologische Untersuchungen der Burg und ihrer Vorgängerbauten erfolgten unter der Leitung von Dr. Rolf Gensen (1927-2011) in den Jahren 1964/70. 1988/89 erfolgte eine letzte Ausgrabung im Rahmen einer Friedhofserweiterung.